Inflation ist kein Thema. Wirklich?

Aktuell geht die Nationalbank von 0.0% Inflation im Jahr 2021 aus und von 0.2% im Jahr 2022. Damit wäre das gefürchtete Inflationsgespenst noch meilenweit weg. Aber können wir uns auf diese Daten verlassen? Seit Beginn des neuen Jahres beobachten wir einen starken Zinsanstieg am langen Ende der Zinskurve. Lag der 10-jährige Swapsatz während der Jahreswende noch bei knapp -0.3%, tendiert er nun nahe zur 0.0%-Grenze.

Als Grundsatz gilt: Steigen die Preise für Güter, so steigen auch die Zinsen. Dies trifft insbesondere auf die langfristigen Zinsen zu, da ein Kapitalgeber nach der Fälligkeit eines Darlehens real mindestens gleich viel Geld zurückerhalten möchte. Deshalb wird das Thema «Inflation» wieder heiss diskutiert.

Mit dem Begriff Inflation ist die Geldentwertung gemeint. Das bedeutet, dass in einem inflationären Umfeld nach Ablauf einer gewissen Zeit mit dem gleichen Betrag weniger Güter oder Dienstleistungen gekauft werden können. In einem inflationären Umfeld profitieren Kapitalnehmer, weil sich ihre Schuld relativ verringert.

Um die Veränderung im Preisniveau feststellen zu können, werden für den Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) regelmässig die Kosten eines Güterkorbs gemessen, welcher die durchschnittlichen Haushaltausgaben repräsentieren soll. Der Güterkorb entspricht Konsumentenpreisen und es fliessen verschiedene Kategorien in den Warenkorb. So entsprechen derzeit beispielsweise die Kosten für «Wohnen und Energie» rund einem Viertel des Warenkorbs. Aber auch die Ausgaben im Bereich der Gesundheitspflege haben einen bedeutenden Anteil.

Abbildung 1, LIK-Warenkorb und Gewichte 2021

Quelle: BFS – Landesindex der Konsumentenpreise (LIK)


Der mittels Warenkorbs ermittelte LIK hat viele Anwendungsbereiche. Diese reichen von der Beurteilung der Wirtschaftslage im Zusammenhang mit der Geldpolitik oder der internationalen Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes über die Indexierung von Löhnen, Renten und anderen Geldwerten bis hin zur Teuerungsbereinigung, beispielsweise bei der Ermittlung des realen Wirtschaftswachstums.

Der LIK misst die Gesamtinflation und die Schweizer Nationalbank richtet sich für ihre Geldpolitik nach diesem Index. Einige Ökonomen bevorzugen aber die Kerninflation (Core CPI) als Indikator, da diese Messgrösse Güter mit kurzfristig stark schwankenden Preisen (wie etwa Energiepreise) nicht berücksichtigt. Alles in allem gilt es, den LIK als alleinigen Inflationsindikator mit Vorsicht zu geniessen.

Der Warenkorb wird immer wieder kritisiert, weil er keine ideale Messung der Ausgaben eines Schweizer Haushalts erlaubt. So fliessen die immer höher werdenden Krankenkassenprämien oder auch Steuern und Sozialausgaben nicht in den Warenkorb ein. Das Bundesamt für Statistik rechtfertig diesen Umstand damit, dass diese Ausgaben sogenannte Transferzahlungen sind und im Schadensfall wieder an die Versicherten zurückfliessen. Der Punkt bleibt umstritten. Auch berücksichtigt der Index nur Konsumgüter und Dienstleistungen aber keine Vermögenswerte. So sind die tendenziell stagnierenden Mieten einberechnet aber nicht die durch die Decke schiessenden Preise für Wohneigentum.

Doch bleiben wir bei dieser grösstenteils akzeptierten Messgrösse für die Inflation in der Schweiz und schauen uns an, wie sich der Index historisch entwickelt hat. Seit Anfang der 90er Jahre lag der LIK nur selten und dann sehr kurzfristig über der berüchtigten 2.0% Grenze. Viele Jahre tendierte er auch im negativen Bereich, besonders während der letzten Jahre. Im Jahresdurchschnitt 2020 notierte er bei -0.7% Auch wenn wir weit in die Vergangenheit zurückblicken, zeigt sich, dass die Schweiz die Inflation im internationalen Vergleich jeweils relativ gut unter Kontrolle hatte, eine Ausnahme stellen sicherlich die 70er Jahre dar. Damals führte eine zu expansive Geldpolitik der USA durch die fixen Wechselkurse (Bretton-Woods-System) weltweit zu inflationären Zuständen und in der Schweiz zu einer jährlichen Inflation von über 10%. Die Schweiz koppelte sich 1973 vom Wechselkurssystem ab und liess den Franken aufwerten.

Abbildung 2, Landesindex der Konsumentenpreise seit 1945

Quelle: BFS – Landesindex der Konsumentenpreise (LIK)


Zurück in der Gegenwart stellen wir fest, dass wir von einer solchen Situation weit entfernt sind. Entscheidend für die Geldpolitik der Nationalbank ist aber nicht die aktuelle, sondern die erwartete Inflation. Die Währungshüter müssen also in die Zukunft schauen, da ihre Massnahmen nur verzögert wirken. Das Ziel der Schweizer Nationalbank ist es, die Inflation unter Kontrolle zu halten und den Anstieg des LIKs pro Jahr unter 2.0% zu halten aber gleichzeitig der längerfristigen Deflation vorzubeugen.

Die Schweizer Nationalbank belässt den Leitzins nun schon seit einigen Jahren bei der Marke von -0.75% und flutet den Markt mit Schweizer Franken, um den Währungskurs zugunsten der Exportwirtschaft tief zu halten.

Im Krisenjahr 2020 kam zur lockeren Geldpolitik auch eine expansive Fiskalpolitik dazu. Die Liquidität im Markt befindet sich somit auf einem Rekordniveau. Die Immobilienpreise und auch allgemein Vermögenswerte wie Aktien stiegen während der letzten Monate stark an.
Könnten wir von einer gefährlichen Asset Price Inflation sprechen, welche sich in den Zahlen des LIKs nicht niederschlägt? Das würde bedeuten, dass die langfristigen Zinsen weiter ansteigen werden und schliesslich auch die Nationalbank den Leitzins erhöhen muss.

Es wird sich zeigen, wie diese Entwicklung weiter voranschreiten wird und die angesprochenen Massnahmen getroffen werden müssen. Einiges spricht dafür, dass die Rekordniedrigzinspolitik in der Schweiz nicht ewig anhalten wird. Selbst die japanische Notenbank, welche eine Pionierrolle in der aktuellen expansiven Geldpolitik innehatte und als erste exzessiv Staatsanleihen aufkaufte, kündigte kürzlich an, die weiteren Zukäufe nun zu mässigen.

Verschiedene Ökonomen erwarten für dieses Jahr zunächst in der Tendenz steigende Inflationsraten. Als Gründe werden die aufgeschobene Konsumnachfrage aufgrund der coronabedingten Lockdowns genannt, die damit zusammenhängende erwartete starke wirtschaftliche Erholung nach der erwarteten schrittweisen Öffnung, die erhöhten Fiskalausgaben (in den USA verspricht die Biden-Regierung ein Stimulus-Programm in betragsmässig rekordverdächtigem Umfang von rund 1.9 Billionen US-Dollar), Basiseffekte (im Vergleich zu den sehr tiefen Vorjahreswerten) und auch die im Jahresvergleich stark gestiegenen Energiepreise (insbesondere Erdöl). Offen ist indes, wie lange der erwartete Inflationsdruck anhalten wird, oder ob sich das Ganze als eher vorübergehendes Phänomen darstellen wird. Die vergangenen Dekaden waren von sehr tiefen Inflationsraten, stellenweise gar deflationären Tendenzen geprägt. Als Gründe wurden demographische Effekte, Globalisierung und verstärkte Preistransparenz genannt, Trends, welche wohl in der Zukunft mehrheitlich noch anhalten werden. Die erwartete konjunkturelle Erholung manifestiert sich auch in den in den vergangenen Wochen deutlich steiler gewordenen Zinskurven.

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Janine Kopf

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